Ethik und Religion in der Organspende

In allen medizinischen Belangen unseres Zusammenlebens spielen ethische sowie religöse Fragestellungen eine unverzichtbare Rolle. Dies gilt besonders für den Aspekt der Organspende. In der Entscheidungsfindung für oder wider die Bereitschaft zur Spende seiner Organe nach dem definitiven Hirntod wird jeder einzelne mit seinen persönlichen ethischen Überzeugungen, gestützt durch die Grundsätze seines Glaubens, konfrontiert. Somit ist das Thema Organtransplantation seit jeher Grundlage kontroverser Diskussionen in unserer Gesellschaft.

Prinzipien wie – allen voran - die der Nächstenliebe, aber auch der Solidarität mit schwerkranken Menschen und dem lebensbejahenden Vertrauen darauf, dass Krankheit kein unveränderliches Schicksal ist, unterstützen die befürwortende Haltung zur Organspende. Auf der anderen Seite überwiegt jedoch bei vielen Personen das Gefühl, dass durch die Organentnahme ein Stück körperlicher Integrität verloren ginge.

Leider sät Unwissenheit und Angst vor medizinischem Können, wissenschaftlichem Fortschritt und dessen ständiger Kontrolle Misstrauen in die Möglichkeiten und Grenzen heutiger Medizin. Wo harsche Kritik durch Slogan wie „der Mensch als Ersatzteillager“ laut wird, begegnen manche Menschen ihrer Entscheidung pro Organspende aber auch mit einem Schulterzucken und bekennen pragmatisch: „Nach dem Tod brauche ich meine Organe eh‘ nicht mehr“.

Es bleibt festzuhalten: die Auseinandersetzung mit unserer Sterblichkeit und dem Tod macht uns oft ein „ungutes Gefühl“ – und dadurch laufen wir Menschen Gefahr, dieses wichtige Thema zunehmend zu tabuisieren. Um den guten sowie den unguten Gefühlen Ausdruck zu verleihen und sich darüber auszutauschen, schließen wir unser Projekt zur Aufklärung über Organspende und -transplantation mit der ausgiebigen Möglichkeit zur Diskussion über diese Thematik ab.

Exkurs: Positionen der Religionen zur Organspende

Unabhängig von unserem individuellen Glaubensverständnis stellt sich vielen die Frage: wie stehen eigentlich die Weltreligionen der Organspende grundlegend gegenüber? Zu dieser Frage seien im Folgenden einige Statements aufgeführt. Vorweg jedoch gilt anzumerken, dass es keinen abschließenden Konsens gibt, die Diskussion über das Thema auch aus religiöser Sicht nicht abgeschlossen ist und sich in ständigem Fluss befinden muss, weil und auch damit medizinische Themen wie dieses auch in Zukunft nichts von ihrer Aktualität einbüßen.

Grundsätzlich“ – so die Schweizerische Stiftung für Organspende und Transplantation im März 2008 – „haben sich alle großen Weltreligionen eindeutig für die Organspende und die Transplantation ausgesprochen. Diese Einmütigkeit entspricht der auf Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit beruhenden religiösen Grundhaltung.

Die christliche Kirche hat diese Befürwortung in der „Gemeinsamen Erklärung der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland“ von 1990 verschriftlicht. Dort heißt es: „Aus christlicher Sicht ist die Bereitschaft zur Organspende nach dem Tod ein Zeichen der Nächstenliebe und Solidarisierung mit Kranken und Behinderten.“ sowie „Nicht an der Unversehrtheit des Leichnams hängt die Erwartung der Auferstehung der Toten und des ewigen Lebens, sondern der Glaube vertraut darauf, dass der gnädige Gott aus dem Tod zum Leben auferweckt.“

Auch der Islam beurteilt die Organspende aus ähnlichen Gründen wie das Christentum positiv. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland stuft das deutsche Transplantationsgesetz aus dem Jahre 1997 als mit dem Islam vereinbar ein, wodurch auch den muslimischen Mitbürgern Deutschlands Organtransplantation aus religiöser Sicht nicht verwehrt wird. In der 3. Internationalen Konferenz Islamischer Gelehrter wurde der Hirntod als für Muslime gültige Todesdefinition dem Herztod gleichgesetzt – eine unverrückbare Notwendigkeit zur postmortalen Organspende aus Sicht heutiger Medizin.

In strenggläubig jüdischen Gemeinden gilt der traditionelle Grundsatz, dass der menschliche Körper Gott gehöre, über den nicht frei verfügt werden könne. Dieser Glaubensaspekt, zusammen mit der Tatsache, dass Herztod und Hirntod medizinisch keinesfalls gleichzusetzen sind, macht die Organspende nach dem Tod für manche orthodoxe Juden undenkbar. Dem steht eine liberalere Position gegenüber, die den Erhalt des Lebens höher bewerten als die Unversehrtheit des Leichnams. Israels Chefrabbinat hat in den späten 80er Jahren das Hirntodkriterium und somit postmortale Organspenden akzeptiert, sofern keine Profite aus dem Körper entstehen und der Leichnam mit Respekt behandelt wird. Diese liberale Haltung wird von den meisten Rabbinern, darunter auch Oberrabbiner Feinstein und Tendler vertreten. Juden wurde durch diesen Umschwung in der religiösen Lehrmeinung nicht nur erlaubt, Organspender zu werden, sondern sie wurden durch ein religiöses Gebot (mizveh) sogar dazu aufgerufen.